Monti-DoroStartseite, Inhalt Website Geschichte Doro, Inhalt Marino Pedretti 1945 Thomas Kohler 1993 |
Doro Gestern und HeuteInhaltDoro heuteDer Name "Doro".... Jahreszahlen Ackerbau und Selbstversorgung Viehwirtschaft: Heu als knappe Ressource Talstufe und Alpwirtschaft Die Bedeutung des Waldes Wirtschaften mit der Natur: Zur Ökologie der traditionellen Wirtschaftsweise... Zur Ökonomie der traditionellen Wirtschaftsweise. ...sogar die Schweine waren mager. Emigration und heute... Doro heuteDoro gehört als Monte (Maiensäss) zur Gemeinde Chironico. Zusammen mit der Talsiedlung (Chironico) und den dazugehörigen Alpen bildet es den für die Hochalpen kennzeichnenden dreistufigen Siedlungs- und Wirtschaftsraum.Die Gemeinde Chironico zählt rund 350 Einwohner (1991). Ein grosser Teil der Bewohner sind heute Tagespendler in Richtung untere Leventina (Bodio, Biasca, Bellinzona), und zwar zwecks Arbeit oder Schulbesuch. Immerhin gibt es im Talbereich der Gemeinde noch 24 Bauernbetriebe (1991), wovon 8 im Nebenerwerb geführt werden. Die Betriebe haben zusammen 66 Stück Rindvieh, 400 Ziegen und 135 Schafe. Es werden rund 160 ha Wiesland gemäht, in den meisten Jahren sind 2 bis 3 Schnitte möglich. Für die Zukunft stellt das hohe Alter der Betriebsleiter (ca. 60 Jahre) ein Problem dar. Die Siedlung Doro besteht aus rund 20 Wohnhäusern und Ställen sowie einer Kapelle, welche im 17.Jahrhundert gebaut wurde. Eine beachtliche Grösse für ein Monte: Um 1900 lebten hier immerhin noch rund 40 Familien. Im Verlauf der folgenden Jahrzehnte und vor allem in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aber nahm die Bevölkerung stetig ab und in den 60er Jahren gab es auf Doro keine Bewohner mehr. Mit dieser Entvölkerung ging ein fortschreitender Zerfall der Gebäude einher; für die Kulturlandschaft mit ihren typischen Terrassen bestand infolge der Aufgabe der Bewirtschaftung die Gefahr der Vergandung und Verbuschung, wie sie auf der gegenüberliegenden Talseite, zum Beispiel um die Dörfer Anzonico und Calonico herum, beobachtet werden kann. Mitte der 1970er Jahre wurde Doro von Deutschschweizer Siedlern neu besiedelt. Diese gründeten die Vereinigung Popolo Doro. Es entstanden zwei Hauptaktivitäten, nämlich einerseits Berglandwirtschaft mit Ziegenhaltung, Käseherstellung (zum Verkauf) und Gartenbau (zur Selbstversorgung), und andererseits Bergtourismus. Zur Unterbringung von Gruppen wurde ein neues Haus im traditionellen Stil (Blockbau, Natursteinmauern) errichtet. Bewohnt wird Doro heute von einer (Deutschschweizer) BergbauernfamiIie. Dazu kommen weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter während der arbeitsintensiven Sommermonate (Heuen, Gartenbau, Melkerei und Käseproduktion). Mit der Wiederbelebung der Berglandwirtschaft konnte eine gewisse Kontinuität der Nutzung und damit der Pflege der Kulturlandschaft gewährleistet werden. Durch das Mähen und die weitflächige Beweidung werden Vergandung und Verbuschung verhindert. Dies führt zu einer erheblichen Verringerung der Rutschungsgefahr und hat daher einen ökologisch stabilisierenden Effekt. Nachteilig wirkt sich die Beweidung dagegen für den Wald aus, indem die Ziegen das Aufkommen von Jungwuchs verunmöglichen. Die verschiedenen Feldgehölzgruppen, die in früherer Zeit bewusst zum Zweck der Hangstabilität angepflanzt wurden, werden durch den Weidgang mit Ziegen ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen. Indessen ist eine geregelte Weidewirtschaft mit Hütedienst aus finanziellen Gründen leider nicht tragbar. Ein besonderer Aspekt der Landschaft sind die zahlreichen Terrassen, wie sie für inner- und südalpine Gebiete typisch sind. Diese wurden früher ackerbaulich (Roggen, Gerste, Kortoffeln) genutzt; wie die Berichte ehemaliger Bewohnerinnen zeigen, fand der Ackerbau in dieser Höhenlage teilweise sogar günstigere Bedingungen vor als in der Tallage bei Chironico. Im Verlauf der 50er-Jahre ist der Ackerbau dann völlig aufgegeben worden. Heute werden die Terrassen als Mähwiesen genutzt; sie werden wie früher mit Mist gedüngt. Eine zunehmende Zahl von Gebäuden in Doro wird heute als Ferien- und Wochenendhäuser genutzt, und zwar sowohl von Tessinern als auch von Deutschschweizern. Die Zahl dieser Zweitwohnsitze, zumeist an ihren roten Wellblech- und Eternitdächern erkennbar, ist eine Erscheinung der 1980er Jahre und insofern positiv zu werten, als damit Bausubstanz - wenn auch leider nicht mit dem typischen Steindach - erhalten wird. Die neue Nutzungsart ist teilweise durch den Bau der Materialseilbahn (1985) zu erklären, beruht wohl aber gerade im Tessin auch auf einem generellen Trend und kann vielleicht mit der verstärkten Suche nach der Identità in Verbindung gebracht werden. In diesen Zusammenhang darf auch die Restaurierung der Kapelle gerückt werden. Dennoch ist diese Revitalisierung zuwenig stark, als dass sie die gesamte Siedlung erfasst, und einer Reihe von Gebäuden droht auch heute noch der vollständige Zerfall. Doro bleibt ein marginaler Ort am Rand der Ökonomie, des bewirtschaftbaren Lebensraumes (vgl. Kasten Landwirtschaft). Inhalt Der Name "Doro"....(im Dialekt der Leventina "Döör") hat vielleicht etwas mit Gold zu tun. Das behaupten die einen. Andere sagen, es heisse "über dem Abgrund"; sicher gibt es noch andere Deutungen.Inhalt JahrzahlenAuf einem Stein der carraia (Steinmauer), die in westlicher Richtung von Doro aufsteigt, ist die Jahrzahl 1473 eingemeisselt. Doro wird aber schon 1315 urkundlich erwähnt. Die Kirche wurde 1642-43 in Gemeinschaftsarbeit gebaut und 1644 geweiht, und zwar Johannes dem Täufer. Das älteste Haus in Doro war, soweit man weiss, am Nordwestende des Monte gelegen und trug die Jahrzahl 1500. Es ist heute eingestürzt (Informationen von Frau Iide Pedretti, Chironico).Inhalt Ackerbau und SelbstversorgungIm Gegensatz zu heute wurde auf Doro früher auch Ackerbau betrieben. Dazu kam die Viehwirtschaft auf der Grundlage des dreistufigen Wirtschaftssystems (Tallage, Monti, Alpen). Das allgemeine Bild ist das einer Subsistenzlandwirtschaft, die primär auf den Eigenbedarf ausgerichtet war, was das Vorkommen von Überschüssen oder Produktionsdefiziten, je nach Produkt, nicht ausschloss. Land war äusserst knapp; für den Anbau wurde daher jede sich bietende Fläche genutzt oder mit Hilfe von Terrassierung sogar erst geschaffen.Typisch für die inneralpinen Täler war die extreme Kleinflächigheit der Flur und die sehr grosse Zahl von Parzellen pro Betrieb. So auch im Gebiet der Gemeinde Chironico. Allino Pedretti, der in jüngeren Jahren auf einem benachbarten Monte, in Osadigo oberhalb Grumo, gewirtschaftet hat, erinnert sich, dass einer seiner Verwandten insgesamt genau 308 Parzellen besass, die unten im Tal mitgerechnet: "Da gab es auch ständig irgendwelche Streitereien und mähen musste man millimetergenau. Es gibt auch viele alte Papiere über diese Auseinandersetzungen". Auf Doro wurden Getreide, Kartoffeln und Rüben angebaut. Der Ackerbau wurde bis in die 1950er Jahre fortgesetzt, bis die Alten allmählich ausstarben, wie sich Allino Pedretti ausdrückt. Die Ackerflächen waren terrassiert und, wie die Mähwiesen auch, zum Schutz vor dem Vieh von Steinmauern (carraie) umfasst. An Getreide wurde vor allem Roggen angebaut, Weizen nur wenig; Weizenbrot war für Festtage und besondere Gelegenheiten bestimmt. Zudem wurde Gerste angebaut, welche auch als Kaffeersatz Verwendung fand. Die Äcker wurden mit Mist und Asche gedüngt. Der Roggen wurde jeweilen ab Ende August geschnitten und an Gerüsten (Rascane, Dialekt: Ruscien) getrocknet. Diese Gerüste sind auf alten Fotographien aus den 1940er Jahren noch zu sehen, ihre letzten Überreste sind aber in den letzten zwanzig Jahren verschwunden. Heute deuten nur noch die steinernen Fundamente der Verankerung auf Existenz und Standort dieser Trocknungsanlagen hin. Aus Roggen und Weizen wurde Brot hergestellt. Es gab eine Mühle in Graslic (am Hang unterhalb von Doro) und einen Ofen in Doro selbst. Später wurde das Korn nach Chironico gebracht zu jenem Ort, der Ressiga heisst, wo es eine Sägerei und eine Mühle gab. Beides wurde 1927 (1928?) durch ein Hochwasser zerstört. Daraufhin wurde neben dem Laghetto in Chironico eine neue Mühle gebaut. Die ist heute auch nicht mehr in Gebrauch, aber die Gebäudereste sind noch zu sehen. Üblicherweise buk man früher Brot für 14 Tage oder für 3 Wochen. Die Getreideproduktion reichte nicht zur Selbstversorgung und Brot musste zugekauft werden, wobei Tauschhandel (baretto) offenbar weit verbreitet und bares Geld sehr knapp war. Dies zeigt die Kirchenkollekte am Giorno della sagra 1853: Sie belief sich auf 11 Rappen (Information: Frau Ilde Pedretti). Die Lage von Doro scheint klimatisch für den Anbau von Getreide und Kartoffeln besser geeignet zu sein als gewisse Tallagen. In Chironico zum Beispiel wurde früher kein Getreide angebaut. Mais war die Ausnahme, aber dieser wurde nach Aussagen der Bewohner nie richtig reif, ausser in sehr guten Sommern wie etwa 1942. Auch für den Kartoffelanbau scheinen die Bedingungen in Doro besser gewesen zu sein als im Tal. Nach verschiedenen Angaben wurden sie auf dem Monte weniger von Krankheiten und Schädlingen beeinträchtigt. Allino Pedretti, der den Kartoffelanbau aus Osadigo kennt, meinte: "Die Kartoffeln haben schon viel gebracht... ich weiss nicht, wie die vorher dort oben gelebt haben". Die Kartoffeln wurden im Winter zur Konservierung vergraben und im Mai wieder ausgegraben. Signor Pedrettis kleine Anekdote: "Da hatte ich zwei Verwandte, die hatten beide einen Laden mit Frutti und Verdura, im Tal... nun hatten sie natürlich einen gewissen Wettbewerb untereinander. Ich bringe also dem einen Kartoffeln von der Grossmutter, das war im Mai, und sage, die sind vom anderen. Der kommt in grosse Aufregung: 'woher, woher?' Zuerst sage ich: 'Sizilien', aber später rücke ich mit der Wahrheit heraus...Ja, ganz neu waren natürlich die Kartoffeln nicht, aber die Haut hatte keine Schrumpfeln..." Inhalt Viehwirtschaft: Heu als knappe RessourceUm 1900 wurde Doro noch von etwa 40 Familien bewohnt. Man schätzt daher, dass es zu jener Zeit auf dem Monti um die 100 Kühe hatte, daneben eine grössere Anzahl Schweine. Alleinstehende Frauen besassen zum Teil auch nur einige Schweine. Es gab wenig Ziegen und Schafe. In früherer Zeit war die Zahl der Schafe noch grösser gewesen. Die Wolle wurde damals selbst gesponnen, später wurde sie an die Fabriken verkauft und das Garn bezogen.Seit der Jahrhundertwende sind die Viehzahlen auf Doro ständig gesunken: Dies gilt sowohl für Kühe und Schweine, besonders aber für Ziegen, von welchen es nach 1930 kaum noch welche gab, da sie mehr Arbeit beanspruchen. In den 50er Jahren gab es auf Doro schliesslich schätzungsweise noch 20 Kühe. Das Vieh wurde morgens über die von Steinmauern eingefassten Wege auf die Weide getrieben. Weideland war damals im wesentlichen der Wald, der Rest der Flur wurde als Ackerland und vor allem als Wiesland zur Gewinnung von Heu genutzt. Beispiel einer solchen Heuwiese ist etwa das Gebiet der Pianavei unmittelbar oberhalb Doro. (Die alten Tessiner sagen, dass in diesem Gebiet der Boden schlechter sei als im Gebiet, wo die Ackerterrassen liegen.) Nach Mitte September ungefähr konnten auch Acker und Wiesen beweidet werden: Ernte und Heu waren eingebracht, das Vieh konnte zusätzliche Flächen nutzen und besorgte auch gleich die Düngung. Im Frühling liess man die Tiere bei der ersten Gelegenheit auf die Weide. Mit diesen Massnahmen konnte die Winterfütterungszeit auf ein Minimum beschränkt werden. Dies war in vielen Fällen eine Notwendigkeit: Eines der grossen Probleme der Viehwirtschaft in Doro, wie in den Alpen allgemein, bestand nämlich früher in der Verfügbarkeit von genügend Futter für die langen Winter. Der Heugewinnung kam daher zentrale Bedeutung zu. Tatsächlich wurden die Grenzen für das Wiesland so weit wie möglich ausgedehnt; wo immer es ging, wurde gemäht, sogar zwischen den Ackerbauterrassen, in Waldlichtungen und auch oberhalb der Waldgrenze. Zur Erhöhung der Produktion wurden die besseren und weniger steilen Wiesen mit Mist gedüngt. Auf der Stufe der Monti wurde in der Regel pro Sommer zweimal gemäht. Die Bauern sprechen von einem Primo (erster Schnitt) und einem Secondo (zweiter Schnitt), wobei der zweite Schnitt in schlechten Jahren wegfiel, was im darauffolgenden Winter eine entsprechende Heuknappheit bewirkte. Die höher gelegenen Wiesen und die steilsten Borde wurden auch nur einmal geschnitten und auch nicht gedüngt, aber das Heu war qualitativ sehr gut (Trockenstandorte mit Heilkräutern). Neben den Wiesen wurden auch bestimmte Waldareale, zum Beispiel der "bosco sacro" gemäht. Nach Auskunft aller Informanten war auch diese Nutzung genau geregelt; Jede Familie durfte nur die ihr zufallende Waldparzelle mähen. Auch oberhalb der Waldgrenze wurde noch Heu gewonnen. Wie gross der Anteil dieses unter grossen Anstrengungen und beträchtlichen Gefahren eingebrachten Wildheus an der gesamten Ernte war, ist im Fall von Doro nicht bekannt, aber Schätzungen aus anderen Gebieten in den Alpen zeigen, dass er beträchtlich sein konnte. In der Gemeinde Göschenen beispielsweise belief er sich früher auf 30-40% der Heuernte. Der Beginn des Wildheuet wurde genau festgelegt; offenbar bestand auch in der Nutzung dieser entlegenen Flächen eine starke Konkurrenz. Wer zum Beispiel vorher einen besonders schönen Flecken sah, den er für sich beanspruchte, mähte seine 2-3 Streifen, was als saisonaler Besitzanspruch für das Wildheu galt. Andere durften dann dort nicht mehr mähen. Trotz all dieser Anstrengungen blieb Futter ein knappes Gut; so ist es nicht verwunderlich, wenn ein schöner Heuvorrat als Symbol des Wohlstands und der Prosperität, der Sicherheit galt und auch heute noch gilt. Sagt Giampiero Mosimann, Bauer in Chironico, es gelte als Zeichen der persönlichen Akzeptanz, vielleicht auch des Besitzerstolzes, wenn einem die Tessiner den Heuvorrat zeigen: "Voi guardare il fieno". Und dann erst die Tiere. Allino Pedretti erinnert sich: "Hier in Chironico haben wir alle unsere Übernamen...heissen zwar alle Pedretti oder so, aber mit den Übernamen unterscheiden wir uns. Zu diesen Namen gibt es natürlich immer eine Erklärung. Nehmen wir zum Beispiel die Cucu: Da war einmal einer, der brauchte Heu. So ging er also zu einer alten Frau im Dorf, die nur noch wenig Vieh hatte. Die wollte aber von einem Heuverkauf nichts wissen. Sie sagte ihm, sie sei bereit, welches zu verkaufen, sobald der Kuckuck ruft im Frühjahr. Jetzt gegen das Frühjahr hin ist der Mann so in der Klemme gewesen, dass er also der Alten in den Wald gefolgt ist und den Cucu macht. Die Frau hat es gehört und er erhält sein Heu. Offenbar ist er aber beobachtet worden und fortan hat er diesen Namen." ..."Andere heissen "I Cesarett"; die heissen eigentlich auch ganz gewöhnlich... aber die hatten vielleicht einmal einen in der Familie mit Vornamen Cesare oder einen mit Anflug von Grössenwahn, allora...der Name ist ihnen geblieben..." Inhalt Talstufe und AlpwirtschaftZum dreistufigen Berglandwirtschaftsbetrieb, wie er früher auch im Tessin typisch war, gehören neben der Stufe der Monte (Maiensäss) wie Doro, Cala oder Ces auch Talstufe (Chironico) und Alpen.Zu Doro gehören die Alpen Vetle, Töira, Legnei und Gardisc. Einige Familien (famiglie patrizie) hatten auch Anteile an der Alpe Laghetto. Alpen gab es überall. Auf der andern Seite des Tals, oberhalb Osadigo, erstreckte sich das Alpgebiet bis weit hinauf gegen die Cima Bianca. Es gilt dasselbe wie für Acker- und Wiesland: Die Alpareale wurden bis auf die letzten Flächen genutzt. Dies zeigt sich unter anderem auch in Auseinandersetzungen über Alprechte. Die alten Chironichesi berichten zum Beispiel über einen Streit zwischen Osadigo und Doro, der die Weiderechte auf der Alp Töira betraf. In früherer Zeit war auf der Alp normalerweise ein Käser, ein Hirt für die Rinder, und ein Geissbueb. Die Alpungszeit betrug 2-3 Monate (Juli - September). Die Arbeit war sehr hart: Da musste Brennholz von unten heraufgetragen werden für die Käseherstellung, die fertigen Käse mussten talwärts getragen werden, und so weiter. Die Hirten wurden von der Bürgergemeide für die Zeit ihrer Arbeit auf der Alp bezahlt, also für rund zwei bis drei Monate. Aus Kuh- und Ziegenmilch wurde Fettkäse (formaggio grasso) hergestellt, aus der Molke Zieger. Die übriggebliebene Molke erhielten die Schweine. Die Produktion wurde gemäss der Milchmenge der Tiere an die Besitzer der Tiere verteilt, das heisst zugerechnet. Die Milchmenge wurde zweimal gemessen, nämlich ein erstes Mal etwa eine Woche nach Alpaufzug (Prima misura) und ein zweites Mal nach 40 Tagen (Seconda misura). Daraus wurde dann für die Zuteilung das Mittel genommen. Im Herbst rechneten die Consoli die Kosten ab und verteilten sie gemäss einem bestimmten Schlüssel auf die Viehbesitzer (4 Ziegen galten als eine Kuh). (Informationen von Frau Ilde Pebretti, Chironico) Kennzeichen der Wirtschaft der Talstufe war die Kastanie. In Chironico datieren viele Bäume offenbar aus dem 16.Jahrhundert. Kastanien waren früher fr die Ernährung zentral. Man hat sie oft dreimal am Tag gegessen. Zum Mittagessen wurden sie gekocht und mit Milch verzehrt. Abends gab es die Caldarroste; was davon übrigblieb, kam am nächsten Morgen auf den Tisch. Die Bäume waren in Privatbesitz, auch dann, wenn sie auf der Allmende standen. Sie wurden gepflegt und mit Mist gedüngt. Die Kastanien hat man gehütet wie seinen Augapfel. Daran erinnert sich Allino Pedretti, wenn er feststellt:"Heute überfressen sich die Schafe an den Kastanien, die herumliegen. Früher hätte doch nie ein Schaf eine Kastanie gefunden!". Inhalt Die Bedeutung des WaldesIn früheren Zeiten hatte der Wald teilweise andere Funktionen als heute. Da gab es die Holznutzung, wobei diese offenbar sehr viel intensiver war als heutzutage. Neben der Verwendung als Brenn- und Bauholz für die lokalen Bedürfnisse kam der Export durch die Flösserei. Im Val Chironico gab es dafür Holzleiten, beispielsweise von Ragada hinten im Tal bis zur Biascina, wo die Hölzer dann in den Ticino geleitet und weiter talaus geflösst wurden. Die Leute von Malvaglia waren anscheinend Experten in dieser Art von Holztransport. Die Organisation war professionell:Entlang der Leite wurden Posten platziert, um den Lauf der Stämme zu beobachten. Kritische Stellen wurden mit Seife eingeschmiert und im Winter wurde Wasser über die Holzbahn geleitet, welches gefror und eine ideale Gleitfläche bot. Holz wurde offenbar auch zu Holzkohle weiterverarbeitet. Im Unterschied zu heute war der Wald aber auch für die Viehwirtschaft von grosser Bedeutung: Erstens für das Sammeln von Streue und zweitens als Weide, da ja die offenen Grasflächen zumeist für die Heugewinnung genutzt wurden. Entsprechend der Bedeutung des Waldes für Siedlung und Wirtschaft gab es verschiedene Waldkategorien, die unterschiedlich genutzt werden durften. Das Waldareal unmittelbar oberhalb von Doro beispielsweise diente dem Schutz der Siedlung. Hier war das Schlagen von Holz verboten, ebenso das Sammeln von Streue. Andere Waldgebiete wurden als "Bosco sacro" bezeichnet, wobei Funktion und Ausdehnung hier im Gespräch mit den alteingesessenen Chironichesi nicht ganz klar geworden sind. Offenbar dienten diese Areale vor allem der Viehwirtschaft, indem Farne und Birkenlaub gesammelt wurden. Andere Waldgebiete wurden für die Streugewinnung genutzt (siehe weiter oben). Inhalt Wirtschaften mit der Natur:Zur Ökologie der traditionellen Wirtschaftsweise...Doro ist für die menschliche Nutzung in vieler Hinsicht ein Grenzraum. Dies verdeutlichen die langen Winter, die kurze Vegetationszeit, und, für Besucher vielleicht am augenfälligsten, die extreme Steilheit des Geländes. Die Nutzung eines solchen Gebietes war auf die Dauer nur deshalb möglich, weil die folgenden Prinzipien beachtet wurden: Die natürlichen Nutzungsgrenzen wurden erkannt und akzeptiert; diese Grenzen sind im Vergleich zum Unterland enger und ihre Missachtung gefährdet sowohl Hab und Gut als auch Leben (Lawinen, Erdrutsche, Steinschlag) unmittelbar. Erkennen der Grenzen setzte Wissen um die lokalen Besonderheiten von Natur und Ökosystem voraus; dieses Wissen zeigt sich heute noch, beispielsweise in der sehr präzisen Anpassung der Nutzung an die oft kleinräumig unterschiedlichen Geländegegebenheiten (Exposition, Steilheit). Akzeptieren der Grenzen dagegen ist eine Frage der Haltung, die vielleicht etwas mit Einsicht in die Beschränkung der eigenen Möglichkeiten zu tun hatte und vielleicht auch etwas mit dem Gefühl der Demut, nach welchem die Ausgesetztheit gegenüber der Natur einer existenziellen Schuld entspreche (vgl. Zitat aus Martini): ãWenn der liebe Gott uns liebte, sagte ich einmal zu Don Giuseppe, warum hatte er uns nicht in einer etwas angenehmeren Gegend zur Welt kommen lassen? In einer Gegend ohne Vipern und ohne Steine, an denen man sich die Schienbeine anstösst, ohne Erlendickicht, das einem das Maul zerkratzt, sagte ich soviel ich mich erinnere. Aber den Vortrag habe ich Don Giuseppe nicht zweimal gehalten. das kannst du mir glauben; wenn man sehen wollte, wie er sich mit seinem Dreispitz auf dem Kopf kerzengerade aufrichtete, brauchte man nur die Vorsehung anzutasten. Je schwerer das Leben war, desto eher kam er ins Paradies, davon war er überzeugt.... Für ihn sah die Welt eben so aus. Das Leben war für alle schwer, das kam von der Erbsünde. Das Paradies musste man sich erst erwerbenÒ. (Plinio Martini, 1984; 27f) Im Vergleich zum Unterland musste ein sehr hoher Aufwand für Pflege und Unterhaltsarbeiten an Infrastruktur und Kulturland geleistet werden (zum Beispiel Unterhalt der Wege). Natürliche Ereignisse konnten saisonal wiederkehrend und daher einplanbar sein, oder aber unvorhergesehen und plötzlich, als Störfall oder gar als Katastrofe hereinbrechen (Lawinenniedergang). In beiden Fällen musste die Gesellschaft reagieren können; dies bedingte das Vorhandensein von entsprechenden gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen (zum Beispiel Formen von Gemeinschaftsarbeit). Nicht nur die Reproduktion, sondern auch die Produktion selbst verlangte einen verglichen mit dem Unterland erheblichen Mehraufwand. Dies zeigen schon nur die Arbeitswege: Auch wer heute in Doro unterwegs ist, ist immer irgendwie in der Vertikalen unterwegs, nämlich am Absteigen oder am Aufsteigen. Extraaufwand auch für den Ackerbau früherer Zeiten bezeugen die vielen Terrassen, ohne die ein Anbau infolge der Erosion nicht nachhaltig betrieben werden konnte, wobei neben dem Bestreben zum Schutz vor Erosion andere Motive wohl auch eine Rolle gespielt haben (Aufbau von grösserer Bodenmächtigkeit, erhöhte Wasserspeicherfähigkeit vor allem von Schmelzwasser im Frühjahr). Diese Notwendigkeit der Leistung von Mehraufwand sowohl für Produktion als auch für Reproduktion wurde auf der gesellschaftlich-kulturellen Ebene in Form eines ausgeprägten Arteitsethos vermittelt (vgl. Textstelle Plinio Martini): "Und wie sie später Tag um Tag morgens aufstanden, immer nur die Arbeit im Sinn. die vor ihnen lag. Die einzige Zeit, in der er sich nicht mit der Sorge um die ArbeIt quälen musste, bevor er sich noch daran machte, war für meinen Vater der MiIitärdienst. Die Mutter hatte nicht einmal das gehabt; als Mädchen hatte man sie ein, zwei Mal noch Locarno mitgenommen, das war auch alles. Und noch all der Müh und Plage und Rappenspalterei mussten sie sich noch damit abfinden, uns in eine andere Welt fortziehen zu sehen. Hier verdiente ich mit meiner Unterschrift auf einem Blatt Papier mehr, als sie in fünfzig Jahren zusammengekratzt hatten... " (Plinio Martini, 1984; 33) Beeindruckend an der Nutzung in früherer Zeit ist gerade aus heutiger Sicht die Angepasstheit an natürliche Gegebenheiten des Raumes. Diese Angepasstheit ist kein passives Hinnehmen von "Natur", sondern aktive Gestaltung der Umwelt auf der Grundlage von genauer ökologischer Sachkenntnis. Dies zeigt das Beispiel des Wassermanagements auf Doro sehr deutlich: Bekanntlich ist im Tessin die Intensität der Niederschläge sehr hoch. Namentlich während Gewittern oder länger anhaltenden Regenfällen geht es daher darum, das anfallende Niederschlagswasser möglichst rasch in geordneten Bahnen wegzuleiten: Nehmen die steilen Hänge nämlich zuviel Wasser auf, so verlieren sie an Stabilität und es können sich Rutschungen bilden. Das Management des Wassers ist also eine ebenso zentrale wie heikle Angelegenheit: Bald ist es knapp, bald stellt es, im Übermass vorhanden, eine Gefährdung für Wirtschaft und Bewohner dar. Diese Zusammenhänge waren früher sehr wohl bekannt, wie die folgenden stummen Zeugen - bauliche Massnahmen früherer Zeiten - zeigen: Wassermanagement im Wald: Oberhalb des Dorfes findet sich ein Graben, der sich über mehrere Kilometer durch heute bewaldetes Gebiet hinzieht. Alte Tessiner wissen um sein Vorhandensein, aber sind unsicher über seine Funktion. Da er nur sehr geringes Gefälle hat, liegt die Vermutung nahe, dass er der Wegleitung des Hangwassers diente, damit dieses nicht in den extremen Steilhang oberhalb der Siedlung hineinfloss. Diese Vermutung wird bestärkt durch die Tatsache, dass das Gebiet oberhalb des Grabens wesentlich flacher ist als dasjenige unterhalb und früher offenbar einmal offenes Wies- oder Weideland war. Der Graben wurde übrigens regelmässig von Astwerk und Schutt gereinigt, eine Arbeit, die gemeinschaftlich vorgenommen wurde. Mit zu dieser Strategie zum Schutz der Siedlung gehört auch das schon erwähnte Verbot des Holzschlagens im steilen Waldstück oberhalb des Dorfes. In diesem Waldstück war übrigens auch das Sammeln von Streu verboten - vermutlich auch eine Schutzmassnahme; wie Waldbedeckung reduziert eine Streuauflage den Oberflächenabfluss ganz erheblich. Wassermanagement innerhalb des Dorfes: Wer sich bei einem Gewitter oder starken Regenguss draussen umsieht, bemerkt, dass auch das Wegnetz im Dorf Funktionen des Wasserbaus berücksichtigt. Die Wege sind mit Steinplatten ausgelegt. Sicher aus Gründen der Bequemlichkeit, gewiss aber auch zur Verhinderung von Erosion und der Untergrabung der Gebäude. Vorallem aber darum, weil sie als Drainegesystem konzipiert sind, indem sie das Regenwasser sammeln und zu einem unterhalb der Siedlung liegen den Geländeeinschnitt hin entwässern. Wo diese Entwässerung heute infolge Zerstörung nicht mehr gewährleistet ist, fliesst das Niederschlagswasser - oft richtige Wildbäche - in Ställe und Häuser und gefährdet deren Stabilität. Wassermanagement im Kulturland: Extrem steile und feuchte Stellen im Wiesland wurden mit Lärchen, Birken oder Erlen bepflanzt, wobei Birken und vor allem Erlen auch durch natürlichen Anflug entstanden sind. Diese Bäume sichern den Hang durch ihre Wurzeln. Dazu wirkten sie durch ihren Wasserbedarf (Birke) als Pumpen, die den Boden aktiv entwässern und damit zusätzlich stabilisieren. Einige dieser Gehölze sind in den letzten 20 Jahren durch Ziegenverbiss leider stark gelichtet worden, andere aber sind noch deutlich zu erkennen wie beispielsweise die Birken im Steilhang unmittelbar unterhalb der Kirche von Doro. Diese wurden in den späten 20er Jahren (1928?) vom Besitzer der fraglichen Parzellen angebaut, nachdem heftige Regenfälle den Hang ins Rutschen gebracht hatten (Information Ilde Pedretti). Die Rutschungsmasse ist auch heute noch, trotz Grasbewuchs, an der Geländeform des Hangstücks klar zu erkennen. Alle diese Beispiele belegen das Wissen der früheren Bewohner um die natürlichen Zusammenhänge, ohne welches ein Überleben in dieser Extremlage nicht möglich gewesen wäre. Zu diesem Wissen gehörte auch das Bewusstsein, in einer gefährlichen Umwelt, also mit der Gefährdung, zu leben. Man mag versucht haben, diese Gefährdung zu bannen; die Kreuze, die über den beiden markanten, brüchigen Felsköpfen oberhalb der Siedlung stehen, sind vielleicht in diesem Zusammenhang zu sehen: Zur Bannung dieser Gefährdung eben. Schliesslich, fügt Gennaro Ghisletta, Rentner aus Chironico und früherer Bewohner von Doro an: "Man sagte, die Kirche von Doro sei am sichersten Ort gebaut worden... es gab Gelegenheiten, zum Beispiel nach langen und schweren Regen, wo sich alle Bewohner dort versammelten. Oder vielleicht waren sie einfach nur abergläubisch." Inhalt Zur Ökonomie der traditionellen Wirtschaftsweise....sogar die Schweine waren mager.Die Angepasstheit an die natürlichen Bedingungen, der Wille und das Vermögen in früherer Zeit, den für Produktion und Reproduktion nötigen Mehraufwand zu leisten, darf nicht über die damals weitverbreitete Armut gerade in den oberen Teilen des Tessins hinwegtäuschen. Diese Armut war im wesentlichen das Resultat einer relativen regionalen Übervölkerung, die lokale und regionale Wirtschaft mit ihrer Dominanz der Landwirtschaft konnte unter den gegebenen natürlichen Grenzen der Produktion ihre Bevölkerung nicht ernähren. Diese Zeiten sind vielen alten Einwohnern von Chironico noch in lebhafter Erinnerung: "Im Sommer dauerte der Tag von fünf Uhr morgens bis abends um neun. Die Männer waren auf der Alp oder auswärts. Da hatten es die Frauen besonders streng. Die haben auch beim Wildheuen mitgearbeitet " erzählt Allino Pedretti. "Wir Kinder waren immer barfuss. Immer war irgendeines am Hinken, da gab es aufgeschlagene Fersen, kaputte Nägel, aufgeschlagene Zehen, und so weiter. Gelegenheiten, sich weh zu tun, gab es viele...das war ein Leben...draussen war es oft nass und kalt, und drinnen rauchig und eng." Statt von Familien spricht man von "fuochi" ("Herdfeuern"). Auch eine Einzelperson, zum Beispiel eine alleinstehende Frau, kann ein "fuoco" bilden. In den Häusern gab es wenig Platz; die Küche im gemauerten hinteren Teil des Hauses und dazu ein Zimmer, welches den vorderen Teil des Stockwerks einnahm: das war alles, was eine Familie in der Regel zur Verfügung hatte. Freizeit gab es nicht. Die älteren Kinder schauten zu den Jüngeren, sie waren Geissenhirten oder sammelten Streue und so weiter. Das Hüten der Geissen geschah im sogenannten Rodo (von Rad / Turnus?); jedenfalls in Osadigo: Jeder Halter musste in einem bestimmten Turnus alle Geissen hüten oder dafür sorgen, dass sie gehütet wurden: "Wer 5 Geissen hatte, musste einen Tag hüten. Wer jetzt also 17 Geissen hatte, der musste dann 3 Tage hüten und alle 5 Wochen 2 Tage dazu oder ähnlich..." erinnert sich Allino Pedretti, aber so genau weiss er das auch nicht mehr. Diese Regelung galt während der Zeit, da die Felder bestellt waren. Während der restlichen Zeit liefen die Ziegen frei herum. Ausspannen konnte man Sonntags: Da ging es in die Messe, von Osadigo zum Beispiel nach Grumo. Um 4.30 Uhr musste man aufstehen. Der Messebesuch wurde auch zum Einkaufen benutzt. Auf dem Rückweg wurde die Zeitung gelesen, um zu sehen wer gestorben sei und so weiter. Es gab aber auch Vergnügungen. Beispielsweise wurde gelegentlich getanzt; oberhalb von Doro gibt es eine flache Stelle, von einzelnen Lärchen umgeben, die als Tanzwiese diente. Allino Pedretti fährt fort: "Wer es sich früher leisten konnte, im Tal zu bleiben, Leute wie der Hotelier, der Posthalter, der Pfarrer, der wurde von uns Kindern als etwas ganz besonderes angesehen... auch die Leute, die etwa aus dem unteren Tessin zu uns in die Leventina hinaufkamen. Das waren Herrschaften, feine Leute, zu denen hat man aufgeschaut... Leute aus einer anderen Welt...da kam auch einmal ein Mineraloge oder ein Strahler hier hinauf nach Osadigo. Wir Kinder haben uns versteckt. So war das früher...als der erste Postkurs Lavorgo-Chironico seinen Betrieb aufnahm, gingen alle Leute hier weiterhin zu Fuss ins Tal." Ausser Allinos Frau, aber die hatte ein Kind, das erst wenige Monate alt war und überdies stammte sie aus der deutschen Schweiz. "Heute haben schon die Jungen Autos. Kaum dass sie 18 jährig sind, kaufen sie sich eines. früher aber gab es hier viel Armut...unsere Geschichte ist für viele Familien Armut, Not, und Arbeit, Arbeit..." "Sogar die Schweine waren mager. Die erhielten ja nur Molke. Ist einmal eines hier in Chironico ausgerissen, ei, das ist gerannt wie ein Windhund, sage ich, am Ende haben sie es natürlich doch erwischt. Die gingen auch mit den Schweinen über die Pässe ins Verzascatal. Einmal hat die Familie des Bürgermeisters ein Schwein geschlachtet, und man sagte, das Fleisch hat ihm und seiner Familie gerade für einen Tag gereicht. Aber er hatte 10 Kinder und das Schwein war wirklich mager." Viele Arbeiten konnten nur gemeinsam bewältigt werden wie beispielsweise das Reinigen der Wege und Pfade, der Bau von Brücken oder die Reparatur der "cinte" (Trockenmauern um das Ackerland). Ein Familienmitglied musste die Arbeit gratis leisten. "Im Frühjahr gab es jeweilen ein Fest. Da wurde dann beschlossen, welche Arbeiten zu machen seien. Es war immer etwas zu tun. Das Fest ist geblieben bis heute... weiss Allino Pedretti. Auch der Hausbau war Gemeinschaftsarbeit. In Doro gab es zum Beispiel eine Gruppe von Männern, die sich darauf spezialisiert hatten; sie bauten Häuser auch ausserhalb der Region ("fuori del paese"). Dann kam die Moderne... Erinnert sich Gennario Ghisletta. "Als man begann, mit dem "filo" (Drahtseil) Heu ins Tal hinunter zu lassen, in den 1920er Jahren, waren viele der Älteren dagegen. Sie sagten, das Vieh würde dann untenbleiben und der Mist würde oben fehlen. Dann starben die Alten, und es kamen die Jungen...mein Vater war noch oben. Als er starb, ging ich langsam ins Tal. Da war der Bau des Militärstollens in Chironico. Nachher kam die Arbeit bei der Eisenbahn. Nachher der Autobahnbau. Da habe ich als Wegmeister gearbeitet. Wir haben alle diese Böschungen angepflanzt." Inhalt EmigrationEmigration war eine Möglichkeit, die Armut zu überwinden; die Emigration hat die Geschichte des Tessins ganz wesentlich geprägt. Dies gilt auch für die Leventina, wie das Beispiel der Gemeinde Chironico zeigt.Im Mittelalter brachte die Säumerei auf der Gotthardroute Geld und Einkommen. Sie war ein weitverbreiteter und traditioneller Erwerbszweig. Die älteste bekannte Säumerordnung stammt zum Beispiel nicht aus dem Gebiet der vier Waldstätten, sondern aus Osco oberhalb Faido und wurde 1237 neu verfasst. Auch über Chironico wurde Saumverkehr abgewickelt, denn der alte Gotthardweg verlief durchs Dorf. Es gab hier offenbar eine Sust, und Säumer und die Frauen von Chironico fanden lobende Erwähnung als gute Trägerinnen. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung, und angesichts der natürlichen Grenzen der Landwirtschaft wurde indessen die Emigration immer wichtiger. Im 17. und 18. Jahrhundert wandten sich die Chironichesi nach Oberitalien, zum Beispiel nach Venedig oder nach Pavia. Dort arbeiteten sie als Kaminfeger oder Marroniverkäufer, die ihre eigenen Marroni verkauften. Diese Emigration war saisonal und betraf das Winterhalbjahr, also die Zeit zwischen Oktober und April. Im 19. Jahrhundert, das gemeinhin als der Höhepunkt der Emigration angesehen wird, kamen neue Ziele dazu, im Fall von Chironico vor allem Paris und London. Gennaro Ghisletta erinnert sich: "In London waren sie Kellner und, wenn sie es weiterbrachten, Restaurateure. Fünf Brüder meiner Mutter gingen nach London... einige dieser Leute wurden berühmt, vielleicht auch in ganz anderen Berufen und viel später, die Nachfahren. Kennen sie Peter Bonetti? Er war Torhüter bei jener englischen Fussballmannschaft - Chelsea. Er kam aus Chironico, das heisst, eigentlich genauer aus Grumo da drüben. Oder Walter Schirra, der Astronaut. Seine Familie stammt aus Corcapolo in den Centovalli. Die Pariser waren vor allem Maler und Glaser...noch heute gibt es diese Geschäfte in Paris und in Doro gehört ein Haus einem Pariser... der würde es vielleicht sogar verkaufen, aber seine Jungen wollen es nicht weggeben" Viele der Emigranten kamen als Sommergäste zurück. Man hörte in Chironico französisch und englisch. Einige haben in der Fremde geheiratet. Allino Pedretti erinnert sich: "Mein Onkel ging auch nach London wie viele andere der Familie. Dort hat er geheiratet. Eine richtige Engländerin hat er erhalten, aber die war nie gerne hier und er isch au e komische Chäib worde. Mit seinem Singsang hat er alles durcheinander gebracht, englisch und italienisch. Einmal erzählt er uns, was er in England macht. Da bringt er morgens der Frau den Tee ans Bett. Dann geht er mit dem Hund spazieren. Nachher liest er die Zeitung. Schliesslich geht er mit der Wäsche zum Waschsalon. Zum Waschen wirft er eine Münze ein, fertig. Da hat auch meine Mutter gesagt, dem spinnts leider in England. Die Kinder kamen auch auf Besuch, am Anfang wenigstens. Nachher wurden die Besuche selten und seltener. Meine englischen Cousins und die anderen Verwandten haben kaum noch Dialekt gesprochen. Sie pflückten Blumen und brannten sich an den Nesseln. Die haben keine Ahnung mehr gehabt von diesen Dingen." Der Einfluss der Emigration und der Emigranten ist vielfältig und zeigt sich auf die verschiedenste Art und Weise. Am augenfälligsten vielleicht in der Architektur: "Holzhäuser und Palazzi, das sieht man in unseren Dörfern. Die Palazzi sind von den Emigranten. Diejenigen, die es geschafft haben, kommen zurück und bauen sich so ein Haus. Auch hier in Chironico selbst. Da, diese beiden Gebäude ... der Erbauer hiess Farci oder ähnlich und hatte es mit Fisch zu Reichtum gebracht. Er hatte Häuser in Chironico und in Paris." (ein Passant in Chironico). Vom späten 19. Jahrhundert an und im 20. Jahrhundert beschränkte sich die Emigration mehr und mehr auf das Gebiet der Schweiz, zunächst vor allem auf das der deutschen Schweiz. Später ziehen immer mehr Talbewohner in die grösseren Orte und Agglomerationen des Tessins selbst. Dazu gab es vermehrt auch Arbeit in der Region, zum Beispiel bei der Gotthardbahn, vor allem wiederum Saisonarbeit: Schneeschaufeln in Airolo und Göschenen. Es gab eine Squadra di Chironico. Die wurde jeweilen in Lavorgo abgeholt. Auch andere Dörfer hatten ihre Squadra. Dazu Gennaro Ghisletta: "Die waren gern gesehen ... die haben ja auch gekrampft wie die Verrückten ... mein Onkel konnte nie verstehen, dass ihm die SBB den Lohn für die Arbeit bezahlt und noch die Fahrt dazu, zum Beispiel nach Arth Goldau. Wo er doch unterwegs gar nichts macht". Inhalt und heute......hört man gutes Italienisch vom Unterland und viel Schweizerdeutsch. Da gibt es die Reicheren und die Aussteiger. Über die letzteren kursieren Gerüchte. Dass sie zum Beispiel auf Doro alle nackt herumgehen. Da hat einmal ein Passant oder ein Tourist einige am Brunnen gesehen, die sich nackt wuschen. Dies war in den Anfängen der Popolo Doro und ein Badehaus gab es nicht. Es gab aber böses Blut. Seither heisst es im Sommer auf Doro: "Achtung Gustav, leg d Hosen a, äs chöme Turischte!"Thomas Kohler 1993 Inhalt
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